Beschreibung der Beschaffung
In den Jahren 2010 bis 2015 wurden unter der Leitung der BASt drei Studien (FE 82.0378/2010, FE 82.0542/2012, FE 82.0615/2014) durchgeführt. Das Ziel dieser Studien bestand darin, zum einen den Ursachen von Fahrfehlern älterer Kraftfahrer nachzugehen und zum anderen aus den Ergebnissen den sich ergebenden spezifischen Unterstützungsbedarf insbesondere für ältere Kraftfahrer abzuleiten. In einer Fahrsimulatorstudie wurde erprobt, inwieweit das entwickelte Assistenzsystem Vorteile für (insbesondere ältere) Kraftfahrer erbringen könnte. In den ersten beiden Untersuchungen wurden visuell-räumliche Aufmerksamkeitsleistungen während der Durchführung einer fahrähnlichen Aufgabe im Labor anhand von Verhaltensdaten und – um genauere Aufschlüsse über die Informationsverarbeitung erhalten zu können – evozierter Potenziale durch Ableitung von Hirnströmen (EEG) gemessen. Die Ergebnisse zeigen eindeutige Unterschiede in den visuellen Aufmerksamkeitsleistungen zwischen jüngeren und älteren Fahrern. Aus diesen Ergebnissen lässt sich ableiten, dass ältere Fahrer vergleichbar gute Leistungen erbringen wie jüngere, wenn ihnen die peripheren Informationen (hier: Lichtreize) möglichst nahe dem zentralen Gesichtsfeld dargeboten werden.
Im dritten Projekt wurde in einer Fahrsimulator-Studie untersucht, ob ältere Fahrer Fahrzeuge, die in der Peripherie auftauchen, besser und schneller wahrnehmen, wenn ihnen ein Warnhinweis ggf. über ein Head-Up Display nahe dem zentralen Gesichtsfeld dargeboten wird.
Die Ergebnisse zeigten, dass alle Fahrer und vor allem die Älteren von einem solchen System profitieren, in dem stärkere Bremsleistungen gezeigt wurden als ohne Warnung. Die EEG-Befunde belegen, dass durch die Warnung im zentralen Gesichtsfeld eine frühere kognitive Verarbeitung der visuellen Reize einsetzt, was eine frühere Bremsreaktion erklärt.
Als Gesamtergebnis der drei Studien kann festgehalten werden, dass ein zentral im Gesichtsfeld wirkendes Warnsystem möglicherweise Kollisionen vermeiden kann, wenn sich Verkehrsobjekte wie Fahrzeuge, Fußgänger, Radfahrer etc. im peripheren Bereich (60 bis 90 Sehwinkel vom Punkt des schärfsten Sehens (Fovea centralis) befinden, die der Fahrer auf Grund erhöhter Anstrengung oder Ablenkung möglicherweise nicht bemerkt / wahrnimmt. Es wird somit eine Ausgestaltung des Assistenzsystems zugrunde gelegt, die spezifisch auf eine Assistenz des Fahrers im 60 – 90 Sichtbereich ausgelegt ist.
Auf Grundlage dieser Studienergebnisse stellt sich die Frage, welche Art von Unfällen (Kollisionen) ein „Sehfeldassistent“ (peripherer Assistent, der als eine Art visuelle Warnung im zentralen Gesichtsfeld verstanden werden kann) vermeiden kann. Benötigt werden Informationen zu Verkehrsunfällen insbesondere unter Berücksichtigung wahrnehmungspsychologischer Unfallursachen.
In dem vorliegenden geplanten Projekt soll der Frage nachgegangen werden, ob unter Hinzuziehung eines geeigneten Ursachenkataloges Unfälle hätten vermieden werden können, wenn es zum Zeitpunkt des Unfalls ein zentrales Warnsystem - wie oben beschrieben - gegeben hätte. Hintergrund stellt u.a. die Veröffentlichung von PUND et al. (2013) im Rahmen der 5. Internationalen Konferenz zu ESAR-Konferenz im September 2012 dar, in dem gezeigt werden konnte, dass Ältere insbesondere durch die Fehlerkategorie „looked but failed to see“ Unfälle verursachen. In dem geplanten Projekt sind aufgrund der Leistungsveränderungen bei älteren Fahrern neben wahrnehmungspsychologischen insbesondere kognitionspsychologische Aspekte entsprechend zu beleuchten.